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Marktentwicklung (global)

Fahrradverleihsysteme standen 2010 mit im Zentrum des Interesses der auf der Velo City Konferenz Kopenhagen im Juni 2010 versammelten Fachwelt mit über 1000 Teilnehmern aus 60 Ländern. Am 21.6.2010 beteiligten sich Vertreter wichtiger Leihradanbieter (Smartbike, Clear Channel, 1-2-Bike) und der ExWost-Forschungsassistenz (Bracher) an einer moderierten Themendiskussion zu "The future of bike share systems" Die Fragerunde wurde als interaktiver Workshop durchgeführt, wo eine jeweils vorgetragene Frage durch die Zuhörerschaft vor eingeladenen Gästen diskutiert wurde. Gewählt wurde die Methode "Fishbowl", eine Methode der Diskussionsführung in großen Gruppen. Bei der Fishbowl-Methode (auch Innen-/Außenkreis-Methode) diskutiert eine kleine Gruppe von Teilnehmern des Plenums im Innenkreis (im "Goldfisch-Glas") exemplarisch die Thematik, während die übrigen Teilnehmer in einem Außenkreis die Diskussion beobachten. Möchte ein Teilnehmer aus dem Außenkreis zur Diskussion beitragen, tauscht er mit einem Mitglied des Innenkreises die Plätze. Die Fishbowl-Methode wurde mit einer Diskussionsmoderation durchgeführt, wobei die Moderation ein beständiger Teil des Innenkreises war.

Die Fragen wurden eingebracht durch durch Frédéric Heran, MESHS (Maison européenne des sciences de l'homme et de la société), Frankreich, die geladenen Gäste waren Jordi Cabañas Faura, Smartbike Operations Director, Clear Channel International, sowie Bart Zwager, Managing Director, 1-2 Bike. Führende internationale Anbieter von Fahrradverleihsystemen und Komponenten waren im Publikum oder auf der Begleitausstellung vertreten.

Die Marktinformationen wurden für diesen Beitrag aufgearbeitet; Anbieteradressen, die in internationale Ausschreibungen einbezogen werden können, wurden dokumentiert im Menüpunkt Anbieter.

Im Workshop "Bike share services" der Velo City Konferenz wurden von Janett Büttner aus dem aktuellen Fundus des EU-Projekts OBIS Vergleichsdaten von 48 Städten mit 51 Fahrradverleihsystemen aus zehn Europäischen Ländern präsentiert und diskutiert; der Beitrag lautete "Planning a new bike sharing scheme. Making decisions based on previous experience", von Janett Büttner, Choice GmbH, Deutschland.

Einen Überblick über die dynamische Verbreitung von Fahrradverleihsystemen unter den Rahmenbedingungen der nationalen französischen Fahrradpolitik wurde vom Vertreter Frankreichs vom Institut CERTU vorgestellt. Die aus dem Vortrag entlehnte Abbildung zeigt die 60 bis Frühjahr 2010 in Frankreich eingeführten und projektierte Praxisbeispiele öffentlicher Fahrradverleihsysteme:

Fahrradverleihsysteme in Frankreich 2010
Quelle: Vortrag Bikesharing services in France, von Robert Clavel, French ministry of ecology, Frankreich.

Robert Clavel nannte in seinem Vortrag interessante Daten zu den Preis- und Kostenstrukturen der französischen Konzepte. So betragen die von den einzelnen Städten pro Fahrrad und Jahr bezahlten Zuschüsse von 1350 Euro (Caen), 2500 Euro (Marseille), 2900 Euro (Orléans), 3200 Euro (Nancy) bis zu 3900 Euro (Aix en Provence). Die Nutzerpreise liegen zwischen 0,30 Euro/Fahrt in Paris und 2-3 Euro in Besançon.
Zum Vergleich: Für die örtlichen Behörden kostet eine Fahrt mit den örtlichen öffentlichen Verkehrsmitteln zwischen 0,75 Euro und 1,60 Euro (je nach Größe der Agglomeration).
Es wird geschätzt, dass die Kosten für Investitionen zwischen 500 Euro und 1000 Euro/Fahrrad liegen; die effektiven Betriebskosten liegen pro Jahr zwischen 1000 Euro und 2000 Euro/Fahrrad. Unterschiede ergeben sich abhängig von der Größe des Bedienungsgebiets, der Angebotsqualität, der Technologie und dem örtlichen Vandalismus.

 

Die professionell gestaltete Internetseite "Bike-sharing Blog" bietet weltweite aktuelle Informationen über die Entwicklung des Verkehrsträgers bike-sharing. Im November 2010 waren rund 250 Meldungen verzeichnet. Der Blog wird von MetroBike, LLC, in Washington D.C., USA, bereitgestellt, der nach eigenen Angaben 2004 gegründeten ersten Beratungsfirma für Bike-sharing in Nord Amerika.

Einen ausgezeichneten zusammenfassenden Überblick, der von fachkundigen Marktbeobachtern aktuell gepflegt wird, gibt die online-Enzyklopädie wikipedia auf deutsch und englisch. Eine tabellarische Übersicht insbesondere mit zahlreichen US-amerikanischen und kanadischen Anwendungsfällen (getrennt für Städte und Universitäten) und ihren Merkmalen gibt es nur auf Englisch: en.wikipedia.org/wiki/List_of_ bicycle_sharing_systems.

Der Bike-sharing blog pflegt eine Übersicht über die Leihradsysteme weltweit - "The Bike-sharing World Map":

Fahrradverleihsysteme weltweit

Fahrradverleihsysteme in Europa

Internetadresse beider Übersichten: http://maps.google.com/maps/ms?ie=UTF8&hl=en&om=1&msa=0&msid=104227318304000014160.00043d80f9456b3416ced&ll=43.580391,-42.890625&spn=143.80149,154.6875&z=1&source=embed]

 

In verschiedenen Quellen wird versucht, die Entwicklung der Fahrradverleihsysteme in Phasen oder Generationen zu gliedern. Ein Versuch, diese Debatte sinnvoll aufzugreifen, findet sich in Tabelle 1. Fahrradverleihsysteme, die auf eine Integration in den Öffentlichen Verkehr zielen, bilden die 4. Generation.

Tabelle 1: Typen, Merkmale und Beispiele der öffentlichen Fahrradverleihsysteme erster, zweiter, dritter und vierter Generation (eigene Darstellung)

Typ

Merkmale

Beispiele

Herkömmlicher Fahrradverleih
Personalbetriebener Fahrradverleih

Vorgegebene Öffnungszeiten
Pfand
Mietzeitabhängige Berechnung
Nutzungsvertrag pro Ausleihe
Keine Einwegfahrten

touristische Fahrradverleihe

Erste Generation
Kommunale Fahrräder

„freie“/„öffentliche“ Fahrräder, Nutzung ohne Schloss und Registrierung des Benutzers

Weiße Fahrräder (Amsterdam, 1965)
Aktion kommunales Fahrrad (Bremen, 1979)
Gelbe Fahrräder (La Rochelle, 1974)

Zweite Generation

Pfandsystem (ähnlich der Nutzung von Einkaufswagen)
Nutzung ohne Zeitbegrenzung

City Bike Kopenhagen (seit 1995), www.bycyklen.dk
Oderbruch (Wrietzen, um 2000)
Helsinki
Aveiro
Chemnitz

Dritte Generation
Sowohl stationsbasierte als auch flexible Systeme

Automatisierte Ausleihe (Identifizierung des Benutzers, unbare Abrechnung, elektronischer Schlüssel)
Spezialräder
Häufig mit kostenfreier Nutzung der ersten halben Stunde
Meist werbeeinnahmenbasiert

Rennes (kostenlos für zwei Stunden, 1998)
„Call-a-Bike“ (München u.a., ab 2000)
Sandnes (Norwegen)
Vélo’v Lyon (2005 - )
Vélib’ Paris (2008 -)
Barcelona (Bicing, 2007 -)
Bixi in Montréal (2009 -), Toronto, Melbourne, Boston, Washington, Minneapolis, London (Barclay’s Cycle Hire, 2010 -)
Guangzhou (China, 2010 -)

Vierte Generation
Integration Fahrradverleih – ÖPNV
Sowohl stationsbasierte als auch flexible Systeme

Automatisierte Ausleihe (Identifizierung des Benutzers, unbare Abrechnung, elektronischer Schlüssel)
Spezialräder
Tarifliche und stationsorientierte Anbindung an den ÖPNV

Bordeaux: V³ / Vcub (Fahrradverleih durch ÖPNV-Betrieb, 2010)
Modellversuch Deutschland (2010-)
Stadtrad Hamburg (2009 - )
Stadtrad Berlin (2010 - )
Hangzhou (China, 2009 -)