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Linienbus mit Fahrradanhängern

Der Fietsenbus

Fahrgastwechsel
Fahrgastwechsel © Regionalverkehr Münsterland GmbH, Duttmann

1. Ausgangssituation, Projektidee und Ziele

Das Rad fahren stellt im Münsterland mit rund 30% Anteil am Verkehrsaufkommen eine tragende Säule des Verkehrs dar. Auch touristisch wird die Fahrrad-Kultur gepflegt: der "Radelpark Münsterland" mit seinen über 4.500 km ausgewiesenen Radrouten bietet insbesondere Kurzurlaubern vielfältige Betätigungen. Das Münsterland ist Projektgebiet im Verbundprojekt "Reiselust" von Deutsche Bahn AG und dem Verkehrsclub Deutschland e.V..

Der Kreis Borken im Münsterland ist 1418 km2 groß und hat 368000 Einwohner in 17 Städten und Gemeinden bei einer Bevölkerungsdichte von 256 E/km2. Das Angebot des öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ist für einen ländlich strukturierten Raum durchaus gut. Der Kreis ist vielfältig durch wenige Eisenbahnstrecken, zwei SchnellBus-Linien, RegioBusse, Regionalbusse, TaxiBusse, Bürgerbusse, sowie Stadtverkehre mit Bussen und Anrufsammeltaxen erschlossen. Gerade weil im Münsterland das Rad fahren nichts Besonderes ist, dürfen im Busverkehr Fahrräder (= Fietsen) mitgenommen werden. Allerdings ist in den Bussen kein zusätzlicher Platz für die Räder vorgesehen. Daher wird auch ausdrücklich keine Reklame für die Fahrradmitnahme gemacht, da es besonders unserer kinderreichen Gegend zu Konflikten mit Kinderwagen kommt.

Um das Angebot für die Radfahrer zu verbessern, wurde die Idee des "Fietsenbus" entwickelt, mit dem man,

  • für Freizeitradfahrer den Aktionsradius erweitern, und
  • die Ausrichtung auf Freizeitfahrer am Wochenende (besonders auch für Einheimische) erreichen wollte.

Ziel ist, Radtouristen und auch heimische Hobby-Radler für den öffentlichen Personennahverkehr zu begeistern. Dabei sollen der Tourismus gestärkt und für den ÖPNV über das Freizeitangebot hinaus wieder mehr Alltagskunden gewonnen werden.

Möglich wurde das Projekt "Fietsenbus" durch:

  • den politischen Beschluss, die "Förderung des Radfahrens" zum Entwicklungsziel 2004 zu erheben und darin die "Verknüpfung von Fahrrad und ÖPNV" benannt zu haben;
  • die Benennung des Potentials "Marktausschöpfung im Freizeitverkehr" im Zweiten Nahverkehrsplan des Kreises Borken, und
  • die Auslobung des Landesförderprogramms "Innovative Vorhaben im ÖPNV", durch dass der "Fietsenbus" mit 50% Anschubfinanzierung bezuschusst wurde.

2. Das Projekt

Unter dem Slogan "Mit Bus und Fietse den Kreis Borken erkunden!" fährt die RegioBus-Linie R76/77/783 zwischen Borken, Ahaus und Gronau. Sie verläuft mittig durch den Kreis Borken in Nord-Süd-Richtung und verkehrt bereits seit Jahren auch am Wochenende im Ein- bzw. Zweistundentakt. Ausgehend von dieser RegioBus-Linie lassen sich fast alle 17 Kommunen des Kreises mit ihren Schönheiten und dem Sehenswerten in neun vorgeschlagenen Tagestouren besuchen.

An Samstagen, Sonntagen und Feiertagen pendeln zwei Busse im Zweistundentakt als "Fietsenbus" mit einem Fahrradanhänger, der bis zu 20 Fietsen Platz bietet. Samstags wird der Takt durch einen "normalen" Bus ohne Fahrradanhänger verdichtet, so dass ein stündliches Angebot erhalten bleibt. Damit der ganze Tag zum Ausflug genutzt werden kann, wurde das Betriebszeitfenster täglich um jeweils drei Fahrtenpaare ausgedehnt. Das Gespann fährt ab 1.Mai bis 3.Oktober jeweils an den Wochenenden und an Feiertagen; ab 2006 auch in den Sommerferien und sogar täglich.

Zum Transportangebot wurden acht Karten im Maßstab 1:50.000 erstellt, in denen jeweils neben der Strecke auch die Events sowie die außerorts liegenden gastronomischen Betriebe eingetragen sind. Auf der jeweils anderen Blattseite werden Routenverlauf, Landschaft, Sehenswürdigkeiten und anderes Interessante beschrieben und mit Fotos angereichert. Ferner sind Adressen für Nachfragen aufgeführt. Der Fahrplan des "Fietsenbus" komplettiert die Tourenmappe. In der Ausgabe 2006 ist zusätzlich ein Flyer über die "Skulpturen Biennale Münsterland Kreis Borken" beigefügt. Die Standorte der Exponate sind mit einem Symbol in den Karten vermerkt. Die Tourenmappe ist in den Rathäusern, Tourist-Infos und Verkehrsvereinen, bei der Münsterland-Touristik, dem ADFC Münster/Münsterland, der Regionalverkehr Münsterland GmbH (RMV), in den RegioBussen der Linie R76 und beim Kreis Borken für eine Schutzgebühr von drei Euro zu haben. Ein Poster (A3-Aushang an allen Haltestellen entlang der Linie), und die Homepage sollen die Bürgerinnen und Bürger auf das Angebot aufmerksam machen. Begleitend werden immer mal wieder Presseberichte initiiert, z.B. wenn der "Fietsenbus" auf Märkten usw. präsentiert wird, wenn Promis mitfahren, oder der ADFC geführte Touren anbietet.

3. Die Projektdurchführung

Die Projektdurchführung lag federführend beim Kreis Borken, Fachbereich Verkehr (Fachbereichsleiter Ludger Stienen, Mobilitätsbeauftragter Dr. Rainer Hamann).

Das kommunale Verkehrsunternehmen, Regionalverkehr Münsterland GmbH (RMV), hat die Maßnahme als Konzessionärin und Betriebsführerin "hardwaremäßig" begleitet, d.h. die MAN-Busse wurden mit Anhängerkupplungen bestückt (Westfalia, Stützlast max. 150 kg). Zusätzlich mussten die Hinterachsen verstärkt werden. Detaillierte Absprachen mit dem Fahrzeughersteller waren erforderlich, weil nicht jeder Bustyp für Anhänger geeignet ist; ferner hat die RVM die Anhängerbeschaffung begleitet: Auf ein herkömmliches Fahrzeugtransporter-Chassis baute die Firma Ludewig GmbH, Essen zwanzig Radführungsrinnen und Halterungen auf (Leergewicht 1180 kg, zulässiges Gesamtgewicht 2000 kg, Länge 6,62 m, Breite 2,50 m, Höhe 2,59 m). Jedes Fahrrad wird lediglich von einer über den Sattel zu stülpenden Kralle gehalten, die jeweils über Gasdruckfedern angepresst werden. Unter Ausnutzung der zulässigen Gespannlänge von 18,75 m kann der Anhänger insgesamt 20 Fietsen, je 10 von einer Seite, aufnehmen.

Die Erarbeitung der Karten erfolgte durch den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club e.V. (ADFC). Aktive sind die vom Fachbereich Verkehr auf der Basis des Radelpark Münsterland zusammengestellten Strecken abgefahren und haben die zugehörigen Karten im Maßstab 1:50.000 erarbeitet. Für die erstellten Tourenmappen haben die Kommunen Infomaterialien, Fotos usw. beigesteuert.

Das Land NRW hat das Projekt mit 50.261,50 Euro als Anschubfinanzierung gefördert. Der Rest und die laufenden Kosten auch der Folgejahre werden aus dem Budget des Fachbereichs Verkehr bestritten.

4. Erreichtes und Ausblick

Das Projekt traf in der Bevölkerung einhellig auf große Zustimmung. Immer wieder hörte man das Lob: "Jetzt können wir endlich mal wo anders Rad fahren". Allerdings braucht die Akzeptanz von Neuem in der hiesigen Bevölkerung immer etwas länger. In der ersten Saison 2005 wurden aber bereits 1141 Fietsen befördert. Aus abseits der Linie liegenden Orten kamen Begehrlichkeiten nach Weiterungen auf. Im Jahr 2006 konnte der Einsatz des Fietsenbus auf die Sommerferien erweitert werden. Der Bus wird im Zwei-Stunden-Takt auch werktags den Anhänger mitführen. Außerdem wurde die Streckenführung über Heek bis Gronau ausgedehnt. Der Fahrplan ändert sich für die Allgemeinnutzer nicht, weil in den Ferienzeiten wegen der geringeren Nutzerzahlen ausreichend Zeit für die Beladung und Entladung der Fahrräder gegeben ist, ohne die Einhaltung des Fahrplans zu gefährden.

Die in 2005 gedruckten 5000 Tourenmappen fanden reißenden Absatz und waren noch vor Abschluss der Saison ausgegeben. Offensichtlich ist mit dem Kartenmaterial auch eine Marktlücke gedeckt worden; denn die Karten sind in deutlich höherem Maß angefragt worden wie die Busnutzung selbst. Das besondere der Karten liegt in Folgendem:

  • Sie bauen auf den "Radelpark Münsterland" auf, das heißt sie nutzen die Wegweisung des Radelparks.
  • Die Karten sind handlich und fahrradtauglich im Format: Die Karten 1 – 7 haben die Größe DIN A3, die Karte 8 die Größe DIN A2. Dem Radfahrer wird quasi für jede Tour ein fertiger Kartenausschnitt aus der großen Kreiskarte angeboten.
  • Die Karten sind eindeutig: Nur eine Route pro Karte, maßstabsgetreu, aber reduziert auf die wesentlichen Informationen. Für die Tour benötigt der Radfahrer nur eine einzige Karte und den Fahrplan.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

  • Die Besonderheit des Projekts liegt vor allem in der Form des Marketings. Kern des Marketings ist die Tourenmappe. Sie beinhaltet Kartenmaterial und Informationen zu sieben konkreten Radfahr-Rundrouten. Die achte Karte ermöglicht es, eine volle Liniendistanz mit dem Bus zurückzulegen und die andere mit dem Fahrrad. Mit der Kombination aus Bus und Fahrrad lässt sich so der gesamte Kreis Borken "erkunden".
  • Weiterhin wurde auf die Reflexivität der Anteile von Bus und Rad geachtet. Es entstand sowohl ein Projekt der ÖPNV-Förderung als auch der Radfahrförderung. Mit dem Busangebot wird das Rad fahren im erweiterten Umfeld ermöglicht; umgekehrt fördert das Radfahrmarketing die Busnutzung und die Stellung des ÖPNV. So konnte mit dem Projekt auch erreicht werden, dass sowohl samstags als auch sonntags nun ganztätig mindestens ein verlässlicher Zwei-Stunden-Takt auf der RegioBus-Linie geschaffen wurde.
  • Der Fietsenbus wurde auf der Basis des vorhandenen Fahrplans eingerichtet, der im übrigen in Borken und Ahaus auf die Züge von und nach Essen bzw. Dortmund abgestimmt ist; es wurde keine neue Linie geschaffen, und es wurden Fahrplananpassungen nur insoweit vorgenommen, dass einzelne Fahrten ergänzt wurden, um ganztägig den Zweistundentakt herzustellen.

Finanzierung

Finanzierung: 
Landesmittel
Kommunale Mittel
Gesamtvolumen: 
100 523 €
Erläuterungen: 
Der Betrag der Investition bezieht sich auf das Jahr 2005 und wurde zur einen Hälfte durch das Land und zur anderen durch den Landkreis finanziert. Die Investitionen in 2005 beinhalten drei Fahrradanhänger, drei Kupplungen, Erstellung von 5000 Tourenmappen, Poster und Werbeflyer. In 2005 sind auf der kommunalen Seite noch Betriebskosten angefallen, die hier nicht beziffert sind.
Die laufenden Kosten beziehen sich auf 2006 und setzen sich zusammen aus 5000 Tourenmappen, 600 DIN A3 Postern und Betriebskosten (rund 10500 Euro).

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Die Evaluation erfolgte nur auf einfache Weise: die Fahrer notierten die die Anzahl der transportierten Fahrräder.

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
  • Kreis Borken
Projektbeteiligte: 
  • Kreis Borken, Fachbereich Verkehr
  • Regionalverkehr Münsterland GmbH (RVM), Stadtlohn
  • ADFC Kreisverband Münster/Münsterland

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Mai 2005
Info zur Laufzeit: 
Das Projekt läuft nur in den Sommermonaten, vom 1.Mai bis 3.Oktober.
Für die Fördermittel existiert eine Förderbindungsfrist über drei Jahre.

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Fachbereichsleiter
Herr Ludger Stienen
Kreis Borken
Fachbereich Verkehr
Burloer Str. 93
46325 Borken
Telefon: +49(0)2861/82-2028
Telefax: +49(0)2861/82-271-2028
E-mail: l.stienen@kreis-borken.de

Herr Franz-Josef Verst
Regionalverkehr Münsterland GmbH
Betriebshof Kreis Borken
Boschstr. 7-11
48703 Stadtlohn
Telefon: +49(0)2563/9306-11
Telefax: +49(0)2563/9306-99
E-mail: franz-josef.verst@rvm-online.de

Herr Hajo Gerdemann
Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club ADFC e.V.
Kreisverband Münster/Münsterland
Kirchstraße 40
48145 Münster
Telefon: +49(0)251/393999
Telefax: +49(0)251/379341
E-mail: info@adfc-ms.de

Kommunale Ansprechpartner: 
Herr Dr.-Ing. Rainer Hamann
Kreis Borken
Fachbereich Verkehr
Burloer Str.93
46325 Borken (Westf.)
Telefon: +49(0)2861/82-2015
Telefax: +49(0)2861/82-271-2015
E-mail: r.hamann@kreis-borken.de

Meta-Info
Stand der Information
8. Mai 2006
Autor
Dr. Ing. Rainer Hamann, Kreis Borken
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Nordrhein-Westfalen