Sie sind hier

Mobilität in der Förderschule

Fahr- und Sicherheitstraining für geistig behinderte Schüler

Das Erlernen der Vorfahrtsregeln im Theorieunterricht
Das Erlernen der Vorfahrtsregeln im Theorieunterricht © Förderschule Johann Amos Comenius

1. Ausgangssituation

Die Johann Amos Comenius Förderschule für geistig behinderte Kinder und Jugendliche in freier Trägerschaft mit ca. 80 Schülern hat sich zur Aufgabe gemacht, ihre Schüler nach ihren Möglichkeiten optimal und umfassend auf ihr späteres Leben als Erwachsene vorzubereiten. Dabei geht es auch darum, ihnen zu einem möglichst hohen Grad an Selbständigkeit und zur Teilhabe am öffentlichen Leben zu verhelfen. Dazu gehört auch ein gewisses Maß an Mobilität.

Bedarfe und Probleme

Einer der vielen Lerninhalte, die an dieser Schule vermittelt werden, ist die Verkehrssicherheit. Dies wird grundsätzlich zunächst auf die Situation von Fußgängern zugeschnitten. Die wenigsten der Schüler werden später einmal in der Lage sein, einen Führerschein zu erwerben. Aber der Wunsch, mit einem Fahrzeug am Straßenverkehr teilzunehmen, ist bei vielen Schülern vorhanden. Einige von ihnen beherrschen das Fahrrad fahren, sind aber im Straßenverkehr überfordert und unsicher. Mit einem Crash-Kurs ist hier nicht viel zu gewinnen. Bis die nötigen Fähigkeiten zum Fahrrad fahren im Straßenverkehr wirklich sicher genug beherrscht werden, ist viel Übung nötig. Diesem Bedarf kann im Klassenverband nur begrenzt entsprochen werden, da es in jeder Klasse nur einzelne Schüler sind, die für ein solches Training in Frage kommen.

Grundidee/Ziel des Projektes

In klassenübergreifendem wöchentlichen Unterricht wird mit etlichen Schülern, die selbst Interesse daran bekunden, ein Fahrradtraining durchgeführt. Dabei stehen Theorie und Praxis in enger Beziehung. Am Ende des Schuljahres können die Schüler in einer Prüfung ihre erworbenen Fähigkeiten unter Beweis stellen und bekommen eine Urkunde, die über den Grad der Verkehrssicherheit Auskunft gibt. Schüler, für die das Fahrradtraining innerhalb eines Schuljahres zu kurz war, um die nötigen Fähigkeiten sicher zu erwerben, können über mehrere Jahre das Trainingsprogramm durchlaufen.

2. Projektdurchführung

Beteiligte Personen und Instituionen

Das Projekt findet im Zuge des klassenübergreifenden Wahlunterrichts an der Förderschule Johann Amos Comenius statt. Diese Schule ist Teil der Herrnhuter Diakonie, einer Stiftung der Evangelischen Brüderunität Herrnhut. Durchgefüht wird dieser Unterricht von folgenden pädagogischen Mitarbeitern: Katrin Häntsch, Christine Krause, Peter Klein. In ihrer Arbeit bekommen die Pädagogen regelmäßige Unterstützung von Polizeiobermeisterin Kati Vogt (Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien, Inspektion Prävention/Zentrale Dienste, Fachdienst Prävention, Team Görlitz).

Entstehung des Projektes

Geistig behinderte Menschen haben Freude am Fahrrad fahren, aber den meisten von ihnen fehlt dafür die nötige Sicherheit. In einem gezielten Langzeitprogramm wird ihnen die Möglichkeit verschafft, sich das Fahrrad als Fortbewegungs- und Verkehrsmittel zu erschließen. Über einen mehrjährigen Zeitraum werden ihnen die Fähigkeiten vermittelt, die sie benötigen, um mit dem Fahrrad sicher und verantwortungsbewusst im Straßenverkehr teizunehmen.
An der Förderschule für geistig behinderte Menschen wurde im Fach Grundlagenunterricht in einzelnen Klassen das richtige Verhalten im Straßenverkehr behandelt. Einige Schüler konnten schon Fahrrad fahren, andere müssen es erst noch erlernen. Dazu wurde eine Zusammenarbeit mit der Polizei angestrebt. Durch weitere intensive Schulung konnten die Schüler die Sicherheit erreichen, die notwendig war, um ein Zertifikat zur Teilnahme am Straßenverkehr zu erlangen.
Diese Erfahrung veranlasste die Förderschule, im Rahmen des Wahlunterrichtes "Fahrradkurse", das Fahrradtraining als festen Bestandteil zu integrieren. Damit begann 2001 das Projekt.

Personelle und finanzielle Unterstützung

Personell: Wie oben bereits erwähnt, sind die Projektträger dankbar für die Unterstützung der Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien in Person von Polizeiobermeisterin Kati Vogt.

Finanziell: Im Jahr 2003 konnten durch eine Spende neue, hochwertige Fahrräder für den Unterricht gekauft werden, die wenig reparaturanfällig sind und zudem das Fahrrad fahren durch eine gute Gangschaltung im Lausitzer Bergland ermöglichen. Seitdem macht das Fahren noch mehr Spaß.

Beschreibung des Projekts

  • Ein wichtiger Faktor ist Zeit. Die Schüler nehmen im Laufe ihrer 12jährigen Schulzeit mehrere Jahre am Fahrradunterricht teil. Dies ist wichtig, damit sie die nötigen Fähigkeiten wirklich verinnerlichen können.
  • Es gibt zwei Fahrradgruppen unterschiedlichen Niveaus. Jedes Schuljahr werden die Gruppen neu zusammengestellt.
  • Am Anfang lernen die Schüler, das Fahrrad zu beherrschen. Zum Üben werden Waldwege und schon vorhandene Radwege genutzt, mit zunehmender Sicherheit dann die Kleinstadt Herrnhut und umliegende Ortschaften.
  • In den Wintermonaten beschäftigen sich die Teilnehmer mit theoretischen Grundlagen. Das betrifft das Erlernen der Verkehrsregeln und das Wissen rund um das Fahrrad.
  • Aufgrund der besonderen Lernvoraussetzungen geistig behinderter Schüler werden verschiedene Unterrichtsmethoden angewandt (Spiel, bildhafte Darstellungen, modellhaftes Nachstellen von Verkehrssituationen, das Anlegen eines Hefters mit Arbeitsblättern, Unterrichtsgänge zur Beobachtung des Straßenverkehrs, Anleitende Wartung und Zerlegung eines Fahrrads, usw.)
  • Die Polizei unterstützt den theoretischen und praktischen Teil des Unterrichts. Seitdem Schuljahr 2007/2008 übernimmt die Polizeiobermeisterin, Frau Vogt, jeweils einen Themenblock des theoretischen Unterrichts mit einer gesonderten Unterrichtseinheit, der mit einem Wissenstest abschließt, so z.B. zum sicheren Fahrrad und zur Notwendigkeit des Fahrradhelms, zu wichtigen Verkehrsschildern, zum Vorgang des Linksabbiegens und zu Vorfahrtsregeln. Frau Vogt gibt den lehrenden Pädagogen jeweils die inhaltlichen Schwerpunkte für den nächsten Theorieblock vor, bzw. spricht diese mit ihnen ab. Am Ende des Schuljahres führt die Polizeiobermeisterin mit den Schülern dann eine praktische Fahrradprüfung durch.
  • In drei Werkstätten für geistig behinderte Menschen (WfbM) in unserem Umkreis organisiert die Polizei weitere Verkehrskurse, um die Verkehrssicherheit der behinderten Menschen zu festigen.

3. Was wurde erreicht?

Inwiefern wurden die Ziele erreicht?

Durch dieses Fahrradtraining ist es schon vielen geistig behinderten Schülern möglich geworden, größere Fahrradausflüge z.B. im Rahmen von Klassenfahrten durchzuführen. Das gibt Ansporn, macht Freude und fördert ihr Selbstbewusstsein sowie ihre Selbständigkeit. Sie lernen dabei Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Es gibt in der Förderschule und in den Wohnheimen dieser Einrichtung schon viele begeisterte Radfahrer - die meisten besitzen auch ein eigenes Fahrrad. Für einige ältere und auch inzwischen ins Arbeitsleben entlassene Schüler ist das Fahrrad mittlerweile ein wichtiger Begleiter im Alltag geworden. Sie fahren damit zur Arbeit in eine Werkstatt (WfbM) und nutzen es in ihrer Freizeit. Nicht zu vergessen ist der gesundheitliche Aspekt für alle Schüler. Das Fahrrad fahren fördert ihre Motorik, das Körpergefühl, die Beweglichkeit und die Kondition.

Noch ungelöste Fragen und Probleme

Die Förderschule ist weiterhin auf der Suche nach geeigneten Unterrichtsmaterialien und Anregungen für den theoretischen Unterricht. Außerdem hat sich die Förderschule zum Ziel gesetzt, zukünftig einen eigenen Verkehrsgarten auf dem Schulgelände einzurichten.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Menschen mit geistiger Behinderung stoßen häufig an Grenzen des Möglichen, wenn sie wie andere Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen. Um so größer ist die Freude darüber, wenn es ihnen gelingt, sich neue Bereiche zu erobern. Ein solches Beispiel ist die Teilnahme am Straßenverkehr mit einem Fahrzeug. Die Schüler, die die Fahrradkurse erfolgreich absolviert haben, sind in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt und in ihrer Selbsteinschätzung objektiver geworden. Sie haben gelernt, was manche ihnen nicht zugetraut hätten: das theoretische und praktische Beherrschen der Verkehrsregeln, die für Fahrradfahrer relevant sind. Immer mehr von ihnen sind in ihrer Freizeit allein mit dem Fahrrad unterwegs, ehemalige Schüler bewältigen damit ihren Weg zur Arbeit. Sie fühlen sich dadurch fester und gleichberechtigter in unserer Gesellschaft eingeschlossen.
Der Erfolg dieser Arbeit soll auch andere ermutigen, sich dieser schönen, wenn auch nicht einfachen Aufgabe zu stellen. Mit viel Engagement können alle zu mehr Verständnis, gegenseitiger Rücksichtnahme und Sicherheit beitragen.

Finanzierung

Finanzierung: 
Landesmittel
Private Mittel (ohne Sponsoring und Spenden)
Erläuterungen: 
  • Sach- und Personalkosten der Schule
  • Spende von neuen Fahrrädern

Evaluation

Evaluation: 
nein

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Förderschule Johann Amos Comenius, Herrnhut
Projektbeteiligte: 
Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien, Inspektion Prävention/Zentrale Dienste, Fachdienst Prävention, Team Görlitz

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
ja
Projektstart: 
Januar 2001
Info zur Laufzeit: 
Es gibt ständig neue interessierte Schüler, die am Fahrradunterricht teilnehmen möchten.

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Herr Holger Böwing
Förderschule Johann Amos Comenius
Schulleiter
Zinzendorfplatz 16
02747 Herrnhut
Telefon: +49(0)35873/46106
Telefax: +49(0)35873/46299
E-mail: Schule.hd@ebu.de
WWW: www.herrnhuter-diakonie.de/

Meta-Info
Stand der Information
4. Januar 2008
Autor
Peter Klein in Zusammenarbeit mit Katrin Häntsch, Christine Krause und Kati Vogt (Polizeiobermeisterin)
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Sachsen