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Beteiligung von Kindern

Fahrraddetektive in der Radwegeplanung

Übergabe der Ergebnismappe an den Ersten Beigeordneten der Stadt Saalfeld
Übergabe der Ergebnismappe an den Ersten Beigeordneten der Stadt Saalfeld © Evangelische Stiftung Christopherushof

1. Ausgangssituation

Situation vor Ort

Saalfeld ist eine Mittelstadt im Bundesland Thüringen. In der Stadt befindet sich ein Plattenbauwohngebiet, das mit dem alten dörflichen Kern den Stadtteil Gorndorf bildet. In diesem Stadtteil wohnen etwa 7.000 Einwohner. Nur 12,9% der Stadtteilbewohner sind unter 18 Jahren. Im Stadtteil gibt es zwei Supermärkte. Der Einzelhandel und die Dienstleistungsunternehmen beschränken sich auf Backwaren, Post, Friseur, Stadtteilbibliothek, Fitnesscenter usw. Es gibt eine Grund- und Regelschule sowie ein Gymnasium. Treffpunkte für junge Menschen sind verschiedene Spiel- und Freizeitplätze sowie das Jugend- und Stadtteilzentrum. In dieser Einrichtung gibt es u.a. einen offenen Kinder- und Jugendbereich.
Bis zum Jahr 2006 führte eine stark befahrene Bundesstraße durch den Stadtteil, mittlerweile ist eine Umgehungsstrecke fertig gestellt, so dass sich der Verkehr merklich beruhigt hat. Im Wohngebiet gibt es kaum Radwege. Radfahrer müssen sich also die Straße bis auf Ausnahmen mit den Autofahrern teilen.

Problemanalyse

Im Rahmen der Saalfelder Kinder- und Jugendarbeit wurden in den vergangenen Jahren verschiedene Lebensweltanalysen durchgeführt, die u.a. deutlich machten, dass die jungen Menschen im gesamten Stadtgebiet mobil sind und für das Zurücklegen der Strecken zumeist das Fahrrad als kostenlose Alternative zum öffentlichen Nahverkehr benutzen. Sie fahren mit dem Fahrrad zur Schule, in Freizeiteinrichtungen oder zu Freunden. Viele der befragten Kinder äußerten, oftmals Angst im Straßenverkehr zu haben und manchmal von den Verkehrsverhältnissen überfordert zu sein.

Ziel des Projekts

In der Vergangenheit gab es in Saalfeld erste Verkehrszählungen und Radwegüberprüfungen mit Kindern, wobei die gesammelten Ergebnisse nicht die gewünschte Beachtung durch die Entscheidungsträger fanden.
Im Jahr 2006 wurde Saalfeld von der Bertelsmann Stiftung als Modellkommune für die Initiative "mitWirkung!" ausgewählt. Anliegen der Initiative ist es, gelebte Kinder- und Jugendpartizipation in den Kommunen zu fördern. Begleitend wurden Jugendarbeiter, Lehrer und Angestellte aus verschiedenen Bereichen der Stadtverwaltung zu Prozessmoderatoren für Kinder- und Jugendbeteiligung ausgebildet. Teil der Ausbildung war die Durchführung verschiedener Beteiligungsprojekte mit Kindern und Jugendlichen. Hier entstand die Idee der "Fahrraddetektive", einem Projekt, an dem sich neben Kindern aus dem offenen Kinderbereich des Jugend- und Stadtteilzentrums Jugendarbeiter und Mitarbeiter des Stadtplanungsamts beteiligten.
Ziel des Projekts war es, Kindern die Möglichkeit zu geben, sich aktiv an der Radwegplanung des Saalfelder Radwegenetzes zu beteiligen. Kinder sollen sich sicher mit dem Rad im Straßenverkehr bewegen, sie analysieren den Zustand des Radwegenetzes auf mögliche Schwachstellen hin und bringen konkrete Veränderungsvorstellungen gegenüber den kommunalen Entscheidungsträgern vor.

2. Projektdurchführung

Das Projekt führten von Oktober 2006 bis Juni 2007 zwei Jugendarbeiter der Evangelischen Stiftung Christopherushof und eine Mitarbeiterin des Stadtplanungsamtes durch.
Mögliche Gefahrenstellen sind aufgrund der unterschiedlichen Perspektive für Erwachsene oft nicht offensichtlich und auffällig. Das Projekt "Fahrraddetektive" berücksichtigt dabei auch die Tatsache, dass Kinder oft Wege benutzen, die sich von denen der Erwachsenen unterscheiden, möglicherweise aber auch ins Radwegenetz eingebunden werden könnten. Eine Gruppe von Kindern fuhr in den Ferien eine vorher von der Gruppe ausgewählte und von jungen Menschen häufig genutzte Teilstrecke von der Jugendeinrichtung zum städtischen Freibad ab. Sie untersuchte die Schwachstellen und besonders gute Wegabschnitte. Diese wurden mit der Fotokamera dokumentiert. Während der Fahrt wurden verschiedene Aktionen (Verkehrstüchtigkeitsüberprüfung der Fahrräder, Quiz, Verkehrszählung, Fragebogen Fahrradparcour) durchgeführt. Anschließend wurden die guten und weniger guten Stellen in Stadtplänen markiert und die Fotos in einer Diskussion ausgewertet. Daraus entstand eine Präsentationsmappe, die den Entscheidungsträgern der Stadt vorgestellt wurde. Zu dieser Veranstaltung war der erste Beigeordnete der Stadt, der gleichzeitig auch Leiter des Dezernats Stadtentwicklung ist, Vertreter des Ordnungs-, Grünflächen- und Stadtplanungsamtes sowie des Amtes für Kinder, Jugend und Freizeit zugegen. Die gesammelten Ergebnisse wurden entgegengenommen und auf Möglichkeiten zur Umsetzung hin geprüft.
In der Folgezeit wurden die ersten kleineren baulichen Veränderungen vorgenommen. Ein knappes viertel Jahr später lud der Erste Beigeordnete die Projektgruppe in die Stadtverwaltung ein, um über die erfolgten und geplanten Umsetzungsmaßnahmen zu berichten. Erklärt wurde den Kindern, warum einigen Anregungen nicht nachgegangen werden konnte, etwa wenn es sich um private Flächen handelt oder die Umsetzung unverhältnismäßig teuer wäre. In anderen Fällen wurden den Kindern Alternativen angeboten, die mit ihnen diskutiert wurden.

Finanzielle Unterstützung

Das Projekt wurde durch Projektmittel der Stadt Saalfeld in Höhe von 150 Euro gefördert. Der Inhaber des City-Rad-Shops Saalfeld sponserte zwei Lampensets.

Projektbeteiligte

Neben der Evangelischen Stiftung Christopherushof und der Stadt Saalfeld unterstützten die Jugendverkehrsschule der Polizei, der Allgemeine Deutsche Fahrradclub Kreisverband Jena-Saalfeld (ADFC) und eine Grundschule das Projekt.

3. Ergebnisse und Ausblick

Erste bauliche Maßnahmen wurden bereits umgesetzt, z.B. Absenken und Ausgleichen von Kanten auf Wegen, Umgestaltung eines gefährlichen Metallgitters, Wegverbreiterung. Weitere Anregungen werden im Zuge von bevorstehenden und bereits geplanten Maßnahmen Berücksichtigung finden. Geplant ist die Ausweitung des Projekts auf weitere Stadtteile Saalfelds im Frühjahr 2008.
Die Kinder gaben in der Auswertungsrunde im Nachgang an, dass sie wichtige Ansprechpartner in der Kommune kennen gelernt haben, sich in der Stadtverwaltung ernst genommen fühlten und dass in verständlicher Form auf ihre Anregungen eingegangen wurde. Sie zeigten sich erfreut, dass erste Baumaßnahmen erfolgten und auch für die Zukunft geplant sind. Sie lernten aber auch, dass Kommunen auch bei gutem Willen in finanzieller Hinsicht Grenzen gesetzt sind. Die Vertreter der Stadtverwaltung zeigten sich beeindruckt davon, mit welcher Ernsthaftigkeit und Ausdauer Kinder für ihre Ideen eintreten können und wie diese sich ihrer Expertenrolle in Sachen Radwege aus Kinderaugen bewusst sind.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Das Projekt möchte weitere aufgeschlossene Kommunen dazu anregen, junge Menschen als Experten ihrer Lebenswelt in verkehrsplanerische Entscheidungen aktiv miteinzubeziehen. Eine Umsetzung der gesammelten Ergebnisse trägt zu einer deutlichen Steigerung der Lebensqualität einer Kommune bei und gibt besonders den jüngeren und unerfahrenen Verkehrsteilnehmern die notwendige Sicherheit für das Bewegen im Straßenverkehr. Es werden Berührungsängste zwischen Kindern und Jugendlichen auf der einen Seite und der Verwaltung auf der anderen Seite abgebaut. Die jungen Menschen lernen, dass sie von den Entscheidungsträgern ihrer Stadt ernst genommen werden und Möglichkeiten haben ihre Vorstellungen und Ideen auf demokratischem Wege einzubringen.

Finanzierung

Finanzierung: 
Kommunale Mittel
Sponsoring, Spenden
Erläuterungen: 
  • Sponsoring: Sachmittel – Fahrradlampensets
  • Projektmittel der Stadt Saalfeld in Höhe von 150 Euro

Evaluation

Evaluation: 
ja
Erläuterungen: 
Evaluationsbogen der Bertelsmann Stiftung

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Evangelische Stiftung Christopherushof
Projektbeteiligte: 
  • Jugend- und Stadtteilzentrum, Bereiche Gemeinwesenarbeit und Offener Kindertreff,
  • Stadtverwaltung Saalfeld, Stadtplanungsamt

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
September 2006
Projektende: 
Oktober 2007

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Evangelische Stiftung Christopherushof
Herr Denis Heymann
Jugend- und Stadtteilzentrum
Gemeinwesenarbeit, Offener Kindertreff
Albert-Schweitzer-Straße 144
07318 Saalfeld
Telefon: +49(03)671/67710
Telefax: +49(0)3671/677122
E-mail: JSZ.SLF@christopherushof.de
WWW: www.jsz-saalfeld.de

Kommunale Ansprechpartner: 
Frau Kerstin Paulmann
Stadtverwaltung Saalfeld, Stadtplanungsamt
Markt 6
07318 Saalfeld
Telefon: +49(0)3671/598384
E-mail: stadtplanungsamt@stadt-saalfeld.de
WWW: www.saalfeld.de

Meta-Info
Stand der Information
14. Dezember 2007
Autor
Denis Heymann, Evangelische Stiftung Christopherushof
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Thüringen