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Stadtviertelkonzept Nahmobilität

Quartiersbezogene Fuß- und Radverkehrsförderung unter aktiver Bürgerbeteiligung

Diskussion am Plan mit Bürgern
Diskussion am Plan mit Bürgern © Langer

Ausgangssituation und Projektidee

In der Landeshauptstadt München war – wie in den meisten deutschen Städten – über lange Zeit eine Zunahme der täglichen Wegelängen beobachtet worden. Daher entstand die Idee, die Nahmobilität mit kurzen Wegen zu stärken, um dem zunehmenden Verkehrsaufwand zu begegnen, ihn zu stoppen bzw. rückgängig zu machen. Ein weiterer Beweggrund zur Erarbeitung des Stadtviertelkonzepts war, dass in zahlreichen Bürgeranträgen auf den in München jährlich in jedem Stadtbezirk stattfindenden Bürgerversammlungen und durch Anträge der politischen Vertretungen der Stadtbezirke (Bezirksausschüsse) viele Einzelvorschläge zur Verbesserung der Mobilitätsbedingungen vor Ort vorlagen. Diese bedurften einer systematischen Betrachtung, um die Bedingungen für den Fuß- und Radverkehr effizient verbessern zu können. Hierbei galt es zu vermeiden, dass der Radverkehr in erster Linie auf Kosten des Fußverkehrs gefördert wird und somit die richtigen Prioritäten zu setzen. Während für den Öffentlichen Verkehr, für den Motorisierten Individualverkehr und für das Hauptroutennetz im Radverkehr vor allem eine stadtweite Betrachtung sinnvoll ist, bedürfen die kleinteiligen Maßnahmen im Fuß- und Radverkehr der Ebene des Stadtbezirks, damit im Projekt die Übersichtlichkeit gewahrt bleibt.

Angesichts dieser Umstände wurde das "Stadtviertelkonzept Nahmobilität" im Rahmen des Münchner Bündnisses für Ökologie (MONACO) als Projektidee eingereicht und die Durchführung vom Stadtrat beschlossen. Um auf ein hohes Potenzial an kurzen Wegen zurückgreifen zu können, wurde ein Innenstadtrandgebiet ausgewählt. Der Pilotstadtbezirk Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt liegt in der Münchner Innenstadt und grenzt dort direkt an die Altstadt an. Der Stadtbezirk weist eine hohe Dichte und eine kleinteilige funktionale Mischung auf. Knapp 48.000 Einwohner leben auf einer Fläche von 439 Hektar. 75% der Wege der Einwohner sind kürzer als 5 Kilometer. 75% dieser Wege werden zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Öffentlichen Verkehr zurückgelegt.

Projektdurchführung

Beauftragung und inhaltliche Fokussierung

Das Referat für Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt München beauftragte mit der Durchführung die Büros stadt+plan (Paul Bickelbacher) als Experten für Stadt- und Verkehrsplanung und Kerstin Langer (Firma Komma.Plan) als Expertin für Bürgerbeteiligung mit diesem Pilotprojekt. Ziel war es, die Mobilität zu Fuß, mit dem Rad, mit Inline-Skates und dem Roller sowie mit dem ÖPNV (insbesondere Bus) zu verbessern. Die Erweiterung des Fokus auf Inline-Skates und Busverkehr erklärt sich damit, dass Inline-Skaten in dieser Zeit gerade in Mode kam und einer näheren Betrachtung bedurfte und dass passend zum Projektzeitraum die Münchner Verkehrsgesellschaft ihr Busnetz in der Stadt grundsätzlich neu ordnen wollte, so dass hier Veränderungsvorschläge und Ideen willkommen waren.

Umfassende Bürgerbeteiligung

Neben der umfassenden Bestandsanalyse der Planer legte das Projekt großen Wert auf die Beteiligung der Bürger, mit dem Ziel, ihre Probleme zu erkennen und die richtigen Lösungen zu finden um das Zufußgehen und das Radfahren (u.a.) mit einfachen Maßnahmen attraktiver zu gestalten.

Das Projekt startete mit einer öffentlichen Auftaktveranstaltung, zu der zahlreiche Experten geladen waren. Ein Vortrag befasste sich z.B. mit der Situation des Fuß- und Radverkehrs vor Ort: Thomas Schweizer von Fußverkehr Schweiz referierte über die aktuellen Entwicklungen in der Alpenrepublik. Noch am gleichen Abend konnten die anwesenden Bürger der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, die aus ihrer Sicht im Alltagsverkehr problematischen Stellen in einen großen Plan des Stadtbezirks eintragen. In den folgenden Monaten waren die Bürger aufgerufen ihre Probleme und Maßnahmenvorschläge auf einem Plan des Stadtbezirks zu markieren und zu beschreiben. Dieser Plan war Teil des "Mitmach-Flyers", der u.a. der Bücherei und beim nächsten Bäcker auslag. Die Bürger konnten sich darüber hinaus an Spaziergängen, Fahrradtouren, einer Skater- und Roller-Tour sowie an einer Busfahrt durch den Stadtbezirk beteiligen. Etwa 550 Anregungen gingen auf diese Weise ein.

Bestandsanalyse für den Stadtbezirk

Zwischenzeitlich erarbeitete das Planungsbüro eine umfassende Bestandsanalyse des gesamten Stadtbezirks. Mit insgesamt 15 Plänen wurde die Situation für das Zufußgehen, Radfahren, Skaten und Busfahren analysiert. Die wichtigsten Fakten wurden in Schwachstellenanalysen für jede Fortbewegungsart konzentriert. Gleichzeitig wurde mit einbezogen, welche aktuellen Planungen im Stadtbezirk und für das Umfeld vorlagen und demnächst realisiert werden sollten.

Bürgerforen zur Diskussion der Maßnahmenvorschläge

Die von den Bürgern eingereichten Maßnahmenvorschläge wurden für die Diskussion in zwei Workshops (Bürgerforen) aufbereitet. Ein Bürgerforum war für alle Bürger, die aus eigenem Interesse teilnehmen wollten. Für das zweite Bürgerforum wurden die Teilnehmer mit Hilfe einer Zufallsauswahl eingeladen. Auf diese Weise war es möglich ein breiteres Spektrum an Bürgern zu beteiligen. In den Workshops diskutierten die Bürger, ob ein benanntes Problem wirklich ein Problem ist, was eine gute Lösung wäre und welche Maßnahmen zuerst ergriffen werden sollten. Sie arbeiteten eigenständig mit einer Maßnahmenliste, diskutierten in kleinen Arbeitsgruppen and debattierten mit Mitarbeitern der Stadtverwaltung im Rahmen des Plenums der Workshops. Die Ergebnisse wurden in einem Bürgergutachten zusammengefasst.

Umsetzung der Maßnahmen

Der Planer erstellte einen Abschlussbericht mit einer Maßnahmenliste, die umgesetzt werden sollte. Die Stadtverwaltung überprüfte die vorgeschlagenen Maßnahmen. Das Ergebnis war, dass 54% von ihnen realisiert werden konnten, 9% weiter überprüft werden mussten und 37% nicht umgesetzt werden konnten. Einige Maßnahmen wurden bereits noch vor Abschluss des "Stadtviertelkonzept"-Projekts realisiert. Von großer Bedeutung war zum einen die Einführung des Parkraummanagements, da infolge der Parkraumüberwachung das Gehsteigparken deutlich zurückging, und zum anderen die Einrichtung einer neuen Buslinie entlang der Isar, die einige bis dahin unzureichend erschlossene Bereiche bedient. Viele weitere Maßnahmen wurden realisiert, z.B. Ampeln für Fußgänger, Radwege und Radstreifen, die Öffnung von Einbahnstraßen für den Radverkehr in Gegenrichtung, die Pflanzung von Bäumen, eine bessere Straßenbeleuchtung u.s.w.. Weitere folgen in den nächsten Jahren. Über die Maßnahmen wurden die Bürger mittels eines Abschluss-Flyers (siehe unten) informiert.

Um das Projekt der Fachöffentlichkeit zu präsentieren und um aktuelle Aspekte und vergleichbare Projekte zu diskutieren, wurde im Herbst 2007 in München eine Tagung mit dem Titel „Nahmobilität und Stadterlebnis“ veranstaltet.

Bilanz

Zeitliche Verzögerung in der zweiten Projektphase

Die Beteiligung der Bürger unterstützte das Maßnahmekonzept erheblich, weil viele kleinteilige Defizite sonst kaum beachtet worden wären. Die Prioritätensetzung der Bürger zeigte auf, in welchen Bereichen die größten Defizite zu verzeichnen sind. Relativ wenig zufriedenstellend für die Bürger war, dass nach einer kompakten Durchführung der Bürgerbeteiligung durch die bearbeitenden Büros die weiteren Schritte vergleichsweise langsam von statten gingen. Vom Auftakt (September 2002) über die Sammelphase und Stadtspaziergänge bis zu den Bürgerforen und der Abgabe des Bürgergutachtens (Februar 2003) verging gerade mal ein halbes Jahr. Die ausführende Verwaltung im Kreisverwaltungsreferat und im Baureferat jedoch war auf das Projekt nicht vorbereitet und von der Fülle und der Kleinteiligkeit der Maßnahmen überfordert. Im betreuendem Referat für Stadtplanung wechselten mehrmals die Bearbeiter, weil bei insgesamt wenig Personal andere Projekte einen größeren Zeitdruck hatten, so dass das Projekt erst Ende 2007 im Stadtrat beschlossen und mit einem Abschluss-Flyer an die Bürger zurückgespiegelt werden konnte. Ein Vorteil der längeren Bearbeitungszeit war, dass Maßnahmen, die zuerst als nicht möglich eingestuft wurden, infolge der zwischenzeitlichen Änderung von Richtlinien (z.B. bei der Öffnung von Einbahnstraßen für den gegenläufigen Radverkehr) dann doch möglich wurden.

Umgestaltung der Problemstelle Kapuzinerstraße

Das von den Bürgern am häufigsten genannte Problem, unzureichende Bedingungen für den Radverkehr in der Kapuzinerstraße, wird nun 10 Jahre nach der Bürgerbeteiligung aufgrund politischen Drucks gelöst. Die Kapuzinerstraße erhält Radstreifen auf Kosten der Fahrbahnfläche für den Kfz-Verkehr und von 150 m Busspur.

Nachfolgeprojekt Wegenetz Giesing

Für das Nachfolgeprojekt Wegenetz Giesing, das ebenfalls von stadt+plan bearbeitet wurde, wurden einige Lehren aus dem Stadtviertelprojekt gezogen. So wurde das Projekt mit den lokalen Aktivitäten des Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt“ verknüpft. Hierdurch wurde die Möglichkeit geschaffen, auf bereits aktivierte Bürger zurückgreifen und die Bürgerbeteiligung vereinfachen zu können. Ebenso wurde die ausführende Verwaltung im Rahmen von Ortsterminen in die Diskussion der Maßnahmen mit einbezogen. Dies half Missverständnisse zu vermeiden. Bezüglich der Finanzierung der Maßnahmen sind für die Soziale Stadt im Haushalt Mittel reserviert, die dann durch die Co-Finanzierung von Bund und Land deutlich erhöht werden. Bei letzterem Punkt gibt es jedoch Schwierigkeiten infolge der Mittelkürzungen für die Soziale Stadt.

Nominierungen und Auszeichnungen

Das Projekt Stadtviertelkonzept Nahmobilität erhielt eine Auszeichnung des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und ist in der von ihm 2008 herausgegebenen Broschüre "Vernetzung im Radverkehr"dargestellt. Das Projekt wurde 2010 auch für den Deutschen Verkehrsplanungspreis des SRL und VCD nominiert. Im Rahmen des EU-Projektes "niches+" wurde es als beispielhaft für "neighbourhood accessibility planning" in der gleichnamigen Broschüre vorgestellt und auf der Abschlusskonferenz von niches+ in London präsentiert.

Warum handelt es sich um ein innovatives und nachahmenswertes Beispiel?

Das Projekt ist insofern gut und nachahmenswert, weil unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger der Fuß- und Radverkehr gemeinsam und flächenhaft gefördert und nicht gegeneinander ausgespielt werden. Geeignet sind kleinere Städte oder Stadtbezirke und –quartiere.

Finanzierung

Finanzierung: 
Landesmittel
Kommunale Mittel
Gesamtvolumen: 
60 000 €
Erläuterungen: 
Angegeben werden hier nur die Kosten für die Durchführung des Projekts. Die Investitionskosten der Maßnahmen sind nicht erfasst.
Das Projekt wurde vom Freistaat Bayern durch die Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Inneren gefördert.

Evaluation

Evaluation: 
nein

Projektträger & Beteiligte

Projektleitung: 
Landeshauptstadt München, Referat für Stadtplanung und Bauordnung

Laufzeit

Dauermaßnahme: 
nein
Projektstart: 
Januar 2002
Projektende: 
Januar 2008
Info zur Laufzeit: 
Die Umsetzung der Maßnahmen dauert an.

Öffentlichkeitsarbeit & Dokumentation

Kontakt

Ansprechpartner auf Projektebene: 
Stadt- und Verkehrsplaner
Herr Paul Bickelbacher
Planungsgemeinschaft stadt+plan
Thalkirchner Str. 73
80337 München
Telefon: 089 /76 70 26 13
Telefax: 089 / 76 70 26 09
E-mail: paul.bickelbacher@t-online.de
WWW: www.paul-bickelbacher.de

Kommunale Ansprechpartner: 
stellv. Leiter der Verkehrsplanung
Herr Jörg Koppen
Landeshauptstadt München
Referat für Stadtplanung und Bauordnung
Blumenstraße 31
80331 München
Telefon: 089/233-22761
Telefax: 089/233-21797
E-mail: plan.ha1-3@muenchen.de
WWW: www.muenchen.de/rathaus/Stadtv...

Meta-Info
Stand der Information
1. September 2012
Autor
Paul Bickelbacher, Planungsgemeinschaft stadt+plan
NRVP-Handlungsfelder
Fahrradthemen
Schlagworte
Land
Bayern